Wahl-O-Mat und Alternativen Entscheidungshilfe für die Europawahl: Wen soll ich wählen?

Wen will ich überhaupt wählen? Wer vertritt am ehesten meine Inte­ressen und was passiert überhaupt mit meiner Stimme? Zum Glück gibt es für diese Fragen Entscheidungs­hilfen. Wer einen (kritischen) Überblick und Vergleich der bekann­testen Tools sucht, wird hier fündig.

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Was passiert mit meiner Stimme?

Bei der Europawahl wird das Europäische Parlament nach dem Verhältnis­wahlrecht gewählt. Fest steht, dass für Deutschland insgesamt 96 Abgeordnete ins Europäische Parlament einziehen. Wie diese 96 Sitze auf die Parteien verteilt werden, entscheidet die Wahl am 26. Mai 2019: Am Ende wird dem Verhältnis entsprechend bestimmt, wie viele Kandidat*innen der jeweiligen Parteien einen Sitz erhalten.

Europawahl - Stimmzettel

Alle stimmberechtigten Bürger*innen können bei der Wahl eine Stimme abgeben. Mit dieser Stimme wählt man in Deutschland eine deutsche Partei oder besser gesagt: die Liste einer deutschen Partei. Die Parteien legen zuvor fest, welche Kandidat*innen in welcher Reihen­folge auf die Liste gesetzt werden. Daher spricht man von der so­genannten „geschlo­ssenen Liste“. Die Spitzen­kandidat*innen der Parteien führen die Listen an.

In Deutschland sind dies bei den etablierten Parteien:

  • CDU/CSU: Manfred Weber
  • Bündnis 90/Die Grünen: Ska Keller und Sven Giegold
  • SPD: Katarina Barley und Udo Bullmann
  • AfD: Jörg Meuthen
  • FDP: Nicola Beer und Moritz Körner
  • Die Linke: Özlem Alev Demirel und Martin Schirdewan

Insgesamt sind 41 Parteien und sonstige politische Vereinigungen zur Europawahl am 26. Mai 2019 zugelassen.

Entscheidungshilfen bei der Europawahl

Wer sich nicht sicher ist, welcher Liste einer Partei sie/er die eigene Stimme geben möchte, kann sich auf der Suche nach dieser Entscheidung Hilfe­stellung holen. Hierfür gibt es im Internet sowohl Websites mit umfang­reichen Informa­tionen als auch Apps, die man sich herunter­laden kann.

Die beliebtesten Tools

Am 3. Mai 2019 wurde der Wahl-O-Mat zur Europawahl veröffentlicht. Seit 2002 erfreut er sich bei zahlreichen Wahlen großer Beliebtheit.

Ebenfalls großer und wachsender Beliebtheit erfreut sich YouVoteEU: Mit einem Abgleich über 25 Entscheidungen kann man die eigene Position mit jenen der Mitglieder des Europäischen Parlaments (MdEP) vergleichen.

Unterschiede zwischen Wahl-O-Mat und YouVoteEU

Während der Wahl-O-Mat Positionen der Parteien zu verschiedenen Themen einander gegenüber­stellt, wie sie im Programm wieder­zufinden sind, vergleicht YouVoteEU das reale Stimm­verhalten der einzelnen Europaabgeordneten.

YouVoteEU ist nur als Web­anwendung (Website) erhältlich, Wahl-O-Mat sowohl Web­anwendung als auch Handy-App (Android/Google Play, Apple App Store, Microsoft Store).

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Der Wahl-O-Mat zur Europawahl

Europawahl 2019 - Wahl-O-Mat

Den Wahl-O-Mat stellt die Bundes­zentrale für politische Bildung (bpb) etwa drei Wochen vor Wahlen zur Verfügung. Bei der letzten Europa­wahl 2014 wurde der Wahl-O-Mat 3,89 Millionen Mal genutzt; zur Bundestags­wahl 2017 sogar 15,7 Millionen Mal. Bis zu 30 Prozent aller Wähler*innen könnten demzufolge den Wahl-O-Mat genutzt haben, ehe die Kreuze auf dem Stimm­zettel gesetzt wurden.

Der Wahl-O-Mat analysiert Aussagen der Parteien zu verschiedenen politischen Bereichen. Insgesamt werden einem 38 Thesen vorgestellt, zu denen man sich mit „stimme zu“, „stimme nicht zu“ oder „neutral“ positionieren kann. Alternativ kann man auch „These über­springen“ wählen. Nach Abschluss der Befragung kann man zudem festlegen, welche Fragen einem besonders wichtig sind; diese zählen dann doppelt.

Europawahl 2019 - Wahl-O-Mat (Beispiel einer Frage)

Wahl-O-Mat: Ohne Vorwissen sind manche Fragen schwer zu beantworten

Bevor die Auswertung vorgenommen wird, wählt man 8 von 40 Parteien, die für den Abgleich heran­gezogen werden sollen. Informa­tionen über die Parteien werden als Links zur Website der Bundes­zentrale für politische Bildung zur Verfügung gestellt.

Das Ergebnis, das man schluss­endlich erhält, kommt in Form einer Prozent­zahl: Zu wie viel Prozent stimmen die eigenen Angaben mit den Positionen der (ausgewählten) Parteien überein? Je höher das Ergebnis, desto größer ist die Über­einstimmung. Für die besonders Neugierigen gibt es zudem die Möglichkeit, die Antworten aller Parteien auf die befragten Thesen nachzulesen.

Wahl-O-Mat zur Europawahl: Ergebnis-Beispiel

Beispiel für die Ergebnisseite des Wahl-O-Mats (bei zufällig ausgewählten Antworten und Parteien)

Der Wahl-O-Mat zur diesjährigen Europa­wahl ist seit dem 3. Mai 2019 online; es gibt ihn auch als Smartphone-App. Wer neugierig ist und erfahren will, wie der Wahl-O-Mat zur Europa­wahl 2014 aussah, kann das Internettool im Archiv finden und herunterladen.

Links zum Wahl-O-Mat:

YouVoteEU: die Alternative zum Wahl-O-Mat

YouVoteEU - Was soll ich wählen, Alternative zum Wahl-O-Mat

YouVoteEU (YouVoteMatters.eu) wurde in Zusammenarbeit von fünf europäischen Organisationen mit dem Ziel entwickelt, durch einen Abgleich vom Wahl­verhalten von Mit­gliedern des Europäischen Parlaments (MdEP) und der Zustimmung bzw. Ablehnung des interessierten Bürgers zu erkennen, welcher politischen Meinung man die größte Übereinstimmung hat.

Insgesamt werden 25 Themen behandelt, die tatsächlich zur Wahl standen. Es geht also um reale Positionen der Politiker*innen und weniger um die (programma­tischen) Positionen der Parteien. Man kann bei einer Frage „dafür“ oder „dagegen“ sein, man kann sich aber auch enthalten. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, für die einzelnen Fragen den Grad der Wichtigkeit zu bestimmen.

YouVoteEU - Website zur Wahlentscheidungshilfe (Beispiel)

Auf YouVoteEU werden Fragen gestellt, über die das Europa­parlament in den letzten Jahren abgestimmt hat

Unter jeder Frage werden die „pro“- und „kontra“-Argumente zusammen­gefasst, optional kann man auch „mehr Details“ ein­blenden. Auf diese Weise kann man sich vor jeder Frage noch mit dem Thema befassen, ehe man eine Entscheidung trifft.

Am Ende der 25 Fragen werden die­jenigen MdEP gerankt, mit denen man die größte Über­einstimmung hat. Sowohl die Namen als auch die zugehörigen Parteien und EU-Fraktionen werden angezeigt. Da man bei der Europawahl nur eine Stimme für eine Parteien­liste hat, kann man so ableiten, mit welchen Abgeordneten welcher Partei bzw. EU-Fraktion man am häufigsten die Meinung teilt.

YouVoteEU - Ergebnis Beispiel Europawahl

Beispiel einer Ergebnisseite auf YouVoteEU (bei zufällig ausgewählten Antworten und Parteien)

Eine weitere Option, die YouVoteEU bietet, ist die Darstellung des Stimm­verhaltens der MdEP (also wie diese abgestimmt haben) und außerdem das Stimm­verhalten anderer Nutzer der Plattform. Der Vergleich zeigt auf, wie weit die Meinungen der MdEP von jenen der Nutzer*innen auseinandergehen.

Zur YouVoteEU-Website:

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Weitere Alternativen zum Wahl-O-Mat

Neben dem Wahl-O-Mat und YouVoteEU gibt es noch einige weitere Entscheidungs­hilfen, von denen einige nachfolgend kurz vorgestellt werden.

WahlSwiper

WahlSwiper - Wahl-Empfehlungs-Anwendung zur Europawahl

Der WahlSwiper zielt auf jüngere Wähler*innen. Der Name suggeriert bereits den einfachen Vorgang, der an die berühmte Dating-App Tinder angelehnt ist: Stimmt man einer Position zu, swipt man nach rechts; ist man gegen eine Position, swipt man nach links. Ganz einfach. Von einer Online-Agentur aus Berlin und Student*innen der Münchner Ludwig-Maximilian-Uni­ver­sität als Non-Profit-Projekt konzipiert, werden die Fragen auf Neutralität geprüft. Außerdem bietet die App zu jedem Thema kurze Erklär­videos an.

Links zum WahlSwiper:

DeinWal.de

DeinWahl, Quiz zur Europawahl

Bei der letzten Bundestagswahl war DeinWal.de eine beliebte Alternative. Im Gegensatz zum Wahl-O-Mat hat DeinWal.de nicht die Positionen von Parteien abgefragt, sondern ihr tatsächliches Abstimmungs­verhalten analysiert. Die Auswahl aus real statt­gefundenen Abstimmungen ist transparent gestaltet und entlang verschiedener Themen­gebiete ausgerichtet.

Zur „DeinWal.de“-Website:

ParteiVergleich.eu

Parteivergleich.eu, Wahlhilfe zur Europawahl

„ParteiVergleich.eu“ beruht auf einem anderen Prinzip als der Wahl-O-Mat. Hier sind die Fragen nicht von einer Redaktion bestimmt worden, sondern es wurden alle Parteien gebeten, zwei Fragen einzureichen. Die daraus resultierenden 72 Fragen wurden dann von allen Parteien beantwortet. Alle Antworten und Kommentare der Parteien sind auch als Tabellen und in Textform erhältlich.

Sozial-O-Mat

Europawahl - Sozial-O-Mat der Diakonie Deutschland

Der Sozial-O-Mat der Diakonie Deutschland wurde im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 erstmals gestartet. Diese Entscheidungshilfe ist vor allem für diejenigen interessant, denen soziale Fragen der Gesell­schaft besonders wichtig sind. Er bietet zwölf Thesen zu den vier Themen Familie, Flucht, Pflege im Alter und Armut.

Zum Sozial-O-Mat der Diakonie Deutschland:

„Wen wählen?“

Europawahl - Wen wählen

„Wen wählen?“ bietet eine Komplett- und eine Kurz­version eines Meinungs­vergleichs sowie zahlreiche Statistiken über Kandidat*innen und Parteien an. Die Seite ist sehr ausführlich und ermöglicht es einem, die Aussagen bestimmter und einzelner Kandidat*­innen (wie etwa aus dem eigenen Wahlkreis) heran­zuziehen. Die Plattform wurde für die Europa­wahl 2019 nicht aktualisiert.

Kritik an den Entscheidungshilfen

Entscheidungshilfen wie der Wahl-O-Mat können den Wähler*innen die Entscheidung nicht abnehmen. Sie können  aber deutlich machen, welche Parteien einem näher­stehen und mit welchen Programmen es sich ents­prechend lohnt, sich genauer auseinanderzusetzen.

Dabei sollte nicht vergessen werden, dass einige Aspekte vom Wahl-O-Mat und YouVoteEU kritisch zu betrachten sind.

Zu viele „Konsens-Thesen“ lassen Parteien im Ergebnis zusammenrücken

Einen wichtigen Kritikpunkt beim Wahl-O-Mat stellen die „Konsens-Thesen“ dar: Nach Auswertung der WirtschaftsWoche wird lediglich die Hälfte aller abgefragten Themen kontrovers diskutiert.1 Die andere Hälfte, bestehend aus Konsens-Thesen, dient dazu, extreme Positionen (wie etwa „Ausländer raus“) kenntlich zu machen. Derart wird die Positionierung der anderen Parteien verzerrt, da es scheint, als stünden sie viel näher beieinander, als dies tatsächlich der Fall ist.

Auswahl der Fragen und Themen

Ein weiteres Problem stellt die Auswahl der Thesen dar. Denn beim Wahl-O-Mat werden diejenigen in die Auswahl aufgenommen, die vor allem den Parteien wichtig sind. Das einfache „Ja-nein-Schema“ und die Befragung zu genau diesen Themen­bereichen mag den Parteien günstig und logisch erscheinen, den Wähler*innen kann dies aber „weltfremd“ vorkommen.

Eine ähnliche Kritik ist auch bei YouVoteEU anzubringen: Die Auswahl der 25 Fragen aus den letzten fünf Jahren ist subjektiv und beruht auf der Auswahl der fünf europäischen Organisationen, die YouVoteEU entwickelt haben. Auch wenn man die Fragen gewichten kann, ist es durchaus möglich, dass Themen, die einem besonders wichtig oder sogar wahlentscheidend wären, kaum bis gar nicht aufgegriffen werden.

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Fragen und Antworten zur Europawahl

Ist es sinnvoll, für Klein­parteien zu stimmen?

Ja. Anders als bei der Bundestagswahl (BTW) gibt es keine Sperr­klausel: Bei der BTW müssen Parteien über die Fünf-Prozent-Marke kommen, um in das Parlament einzuziehen; bei der Europawahl hingegen gibt es keine solche Hürde. Daher können auch Kandidat*innen von Kleinst­parteien einen Sitz erhalten – bei der letzten Europawahl im Jahr 2014 erhielten sie insgesamt sieben der 96 Sitze.

Ist die Europawahl wichtig?

Ja. Das ist sie wirklich. Nicht ohne Grund haben mehrere Parteien die Europawahl zur Schicksals­wahl erklärt. Denn noch nie waren die Meinungen zur EU so gespalten. Der Brexit ist hierfür das beste Beispiel. Doch auch andere Geschehnisse, wie etwa die Erstarkung nationalis­tischer Parteien in ganz Europa oder die Wahl Donald Trumps, erfordern eine klare Positionierung der EU. Die Europawahl wird über die Ausrichtung dieser Position entscheiden und ist dementsprechend ausgesprochen wichtig.

Soll ich wählen gehen, wenn ich gegen die EU bin?

Ja. Denn zur Wahl stellen sich auch solche Parteien, die gegen die EU beziehungs­weise gegen die Abgabe nationaler Souveränität auf die europäische Ebene sind. Mit seiner Stimme kann man also auch diese Position zum Ausdruck bringen.

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Kann ich Parteien wählen, die ich gut finde, die es in Deutschland aber nicht gibt?

Nein. In Deutschland kann man zwischen den Parteien wählen, die für die 96 Sitze in das Europäische Parlament einziehen. Wenn man die größte Über­einstimmung mit einer Partei hat, die es nur in einem anderen europäischen Staat gibt, kann man bei der Europawahl in Deutschland einer Partei die Stimme geben, die zur gleichen europäischen Fraktion gehört, um diese insgesamt zu stärken.

Kann ich einfach wählen, was mir der Wahl-O-Mat oder andere Entscheidungs­hilfen anzeigen?

Die Entscheidungshilfen sind eine gute und einfache Möglichkeit, um eine bessere Orientierung zu gewinnen und Informationen zur Wahl zu erhalten. Die Entscheidung, wem man letztlich die Stimme gibt, können sie einem aber nicht abnehmen.

Gibt es auch eine Briefwahl?

Ja. Wer am 26. Mai 2019 nicht wählen kann oder möchte, kann auch per Briefwahl seine Stimme abgeben. Genauere Informationen sind auf der Website des Bundeswahlleiters zu finden.

 

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  1. WirtschaftsWoche, Europawahl: Der Wahl-O-Mat hat unangenehme Nebenwirkungen, 30.04.2014